Das große Irlandlexikon | Irland von A-Z

Filme aus und über Irland

Irland im Spielfilm

… taumelt zwischen absoluten Extremen – von der verzauberten Welt der Legenden zur ganz brutalen Sklavenarbeit im Dienst der Kirche, von der Präsentation diverser Untergrundkämpfer als Satans 5. Kolonne oder aber als erlösende Lichtgestalten, von “feelgood” bis “gritty realism”. Einen Überblick zu geben, scheint da fast unmöglich – dennoch hier einige Irlandfilme, mit denen man sich die Abende verkürzen kann.

“Gefilmt in Irland” ist eine sehr breite Kategorie, Braveheart zum Beispiel benutzte irische Landschaften und die anglo-normannische Burg von Trim als Hintergrund, verzaubert aber kaum.

John Boormans Excalibur dagegen tat für die Wicklows, was “Lord of the Rings” für Neuseeland tat – nämlich den Tourismus ankurbeln.

Auf Spuren des Artusfilms kann man, dank hilfreichen Wegweisern, am “Excalibur Drive” wandeln! Da möchte man fast zu “O Fortuna” auf dem Pferd durch die sonnengeküssten Wiesen reiten … wenn da nicht meist das irische Wetter wäre. Egal, der Film bringt die Landschaft sehr schön ins Spiel. Für Kenner: Beachten Sie Gabriel Byrne in einer Nebenrolle, Patrick Steward mit Gesichtspullover und für wenige Sekunden den jungen Liam Neeson in der Festszene – mit Frisur wie ein Jedi-Ritter!

Am gleichen Ort, aber zu einer ganz anderen Zeit spielt auch Reign of Fire mit dem unvergessenen Satz “Only one thing is worse than Dragons … Americans!” OK, Eskapismus pur und dank CGI-Effekten eher sehenswert denn dank des Drehbuchs. Die Wicklows sieht man meist im Zwielicht, die Kolonne ausgebrannter Wagen nach dem Drachenangriff könnte jedoch “Irland live” sein.

Filme zum Thema “Irische Geschichte und Gesellschaft” findet man in epischer Breite, vor allem David Leans Ryan's Daughter ist ein gutes Beispiel dafür. Vor dem Hintergrund des Jahres 1916 spinnt Lean in 206 Minuten eine eigentlich recht banale Liebesgeschichte, die nicht unbedingt Irland als Handlungsort oder 1916 als Handlungszeit benötigt hätte, an sich austauschbar ist. Wie dem auch sei – von hin- und hergerissenen britischen Offizieren über eifrige Republikaner bis zu deutschen Waffenlieferanten ist alles dabei. Der wahre Star ist jedoch die Landschaft der irischen Atlantikküste, die den Zuschauer beeindruckt und fesselt.

Dagegen bietet dann Michael Collins schon mehr, Neil Jordan setzte auf Action und liess in Richtung Geschichte auch schon einmal Fünfe gerade sein (… der Panzerwagen in Croke Park kann als Beispiel gelten). Dennoch gelingt die Biographie des irischen Nationalhelden (gespielt von Liam Neeson) sehr gut und kann als dramatisch leicht bearbeiteter Geschichtsfilm gesehen werden. Die Schizophrenie des irischen Freiheitskampfes und Bürgerkrieges wird dem Zuschauer eindrucksvoll vor Augen geführt, selbst Julia Roberts kann da keinen Schaden anrichten.

Die Zeit knapp fünfzehn Jahre später, nämlich in den Tiefen der Weltwirtschaftskrise, zeigt dann Alan Parker in Angela's Ashes – wenn man erst einmal die katastrophenreiche erste halbe Stunde übersteht. Mit viel (Galgen-)Humor, aber auch sehr nachdenklich, wurde Frank McCourts Bestseller verfilmt, eine Literaturverfilmung die sich sehen lassen kann.

Das Thema der gesellschaftlichen Ungleichbehandlung von Vätern und Müttern nimmt der Film Evelyn auf, Pierce Brosnan gibt den kämpferischen Vater und Sorgerechtsmessias. Der Film ist nicht zu 100 % historisch korrekt, aber doch sehenswert … man geht allerdings eher gerührt denn geschüttelt heraus.

Wahrlich erschüttert wird man beim Genuss (?) von The Magdalene Sisters, Gewinner beim Filmfestival in Venedig, von der Kritik geliebt und von der katholischen Kirche am liebsten zur Hölle geschickt. Während Irland 2002 von einem Kirchenskandal zum anderen taumelte, rollte Peter Mullen im Kino die dunklen 60er in den Magdalene Laundries auf. In diese Arbeitshäuser wurden “gefallene Mädchen” zur Umerziehung gesteckt, durften dabei Sklavenarbeit leisten und sich Misshandlungen gefallen lassen. Man betrachtet Nonnen mit anderen Augen, wenn man dieses Tabuthema erst einmal kennenlernt! Ein Film für alle diejenigen, die vom positiven Einfluss der katholischen Kirche auf Irland schwärmen … und wer Irland als Hort des friedlichen Lebens sieht, darf sich mit Veronica Guerin gleich eines Besseren belehren lassen.

Die Geschichte der von Unterweltlern buchstäblich hingerichteten Journalistin (gespielt von Cate Blanchett), die zu sehr im Dreck schnüffelte und den Finger auf zu viele offene Wunden legte, ist nicht zuletzt durch die Unausweichlichkeit des Endes deprimierend.

Ähnliche Stimmungsbilder, aber nicht in so realitätsnaher und vor allem düsterer Form, zeichnen die drei Klassiker des modernen irischen Kinos. The Commitments von Alan Parker begleitet eine Combo aus der Dubliner Northside auf ihrem Weg zum Ruhm.

The Snapper von Stephen Frears macht uns eindringlich klar, was eine ungeplante Teenagerschwangerschaft für Probleme mit sich bringen kann.

Der gleiche Regisseur inszenierte dann auch gleich The Van, einen Film über Arbeitslosigkeit, Fisch, Chips und die Fussballweltmeisterschaft von 1990.

Alle drei Filme sind ursprünglich von Roddy Doyle erdacht und zeigen das Leben in der Northside realistisch genug, um ernst genommen zu werden, aber mit so viel Humor, dass man sich hinterher nicht auf die Suche nach einem Spendenkonto macht.

Für Trekkies ist zudem noch Colm Meaney im Snapper und im Van dabei … Skurril und typisch irisch geht es übrigens auch in Intermission zu.

Schwenk von der Northside nach Nordirland – die Troubles sind, wie sollte es auch anders sein, ebenfalls öfters zum Filmthema geworden.

The Crying Game von Neil Jordan taucht tief in Diskussionen um Gewalt, Loyalität und Lust ein, verwendet den nordirischen Konflikt als Hintergrund, ist aber nicht absolut darin verwurzelt.

Jordans Hang zu Überraschungen, die sehr komplizierte Storyline und einige drastische Momente machen den Film nicht gerade zur leichten Kost.

Genauso verhält es sich mit In the Name of the Father, in dem Daniel Day-Lewis einen der “Guildford Four” spielt. Diese Gruppe wurde von britischen Gerichten für ein Bombenattentat im Oktober 1974 in den Kerker geworfen – unschuldig, wie sich viele Jahre später herausstellen sollte.

Wenn man jetzt ohnehin schon depressiv ist, kann man sich auch gleich noch Some Mother's Son ansehen, in dem der Hungerstreik von 1981 aus den Blickwinkeln der Mütter erzählt wird. Man sitzt fassungslos vor der Leinwand, wenn Übermutter Margaret Thatcher im Original zitiert wird … dennoch ist der Film keineswegs eine Heldenverehrung.

Erwähnenswert ist auch das Dokudrama Bloody Sunday, dazu der noch jüngere Film „Hunger“ über Bobby Sands.

Kann man eine Komödie über die Troubles machen? Was so abwegig klingt wie eine Komödie über die Nazis (… die der politisch nie korrekte Mel Brooks ablieferte), ist durchaus möglich. Das beweist nicht nur die Sitcom Give my Head Peace!, sondern auch die Filmkomödie An Everlasting Piece. Man muss den Film gesehen haben, um zu verstehen, warum die Versuche, den Toupetmarkt in Nordirland zu kontrollieren, viel mehr über die Psychologie der Provinz aussagen können als Hundert bierernste Darstellungen. Und Billy Connolly als absolut durchgedrehter bibelfester Perückenmacher ist den Preis allein wert.

Als Hintergrund für Actionthriller wurden die Troubles ebenfalls gerne verwendet – nicht nur in Miami Vice, wo der smarte Liam Neeson alle Sympathien zunichte macht, als er eine Concorde abschießen will.

Kaum weniger glaubwürdig war der nach Tom Clancys Bestseller gedrehte Film Patriot Games, in dem sich Harrison Ford nahezu alleine mit der IRA anlegt, einen verworrenen Plot bezwingen muss und die zahlreichen politischen Botschaften des Filmes übersteht. Patrick Bergin als kühl kalkulierender IRA-Killmaster, Sean Bean als sein psychopathischer Helfer und eine nahezu perfekte Darstellung der Terroristen als fast übernatürliche Todesengel machen den Film sehenswert. Aber auch Samuel L. Jackson in einer kleineren Rolle und der Vorzeige-Ire Richard Harris als Grand Old Man der Republikaner.

Da kann A Prayer for the Dying kaum mithalten, trotz Mickey Rourke, Bob Hoskins und dem Spiel mit den Themen Gewissen, Schuld und Vergebung. Ein fast lupenreiner Thriller mit irischem “Hintergrund” – die makabre Anfangssequenz mit einem Schulbus und die Schlusssequenz mit Ex-Terrorist Fallon am Kreuz sind jedoch beachtenswert. Kenner der irischen Filmszene freuen sich natürlich auch über Liam Neesons erneuten Einsatz!

Ein Film ohne Liam ist Blown Away, der Boston am St. Patrick's Day und Terroristen mit kleinen Privatfehden zusammenbringt. Was sich sehr nach Klischee anhört, ist es auch! Aus der Masse solcher Filme wird dieser jedoch einzig durch Tommy Lee Jones herausgehoben – sein republikanischer Bombenexperte und Psychopath bleibt unvergessen. Wenn man einmal gesehen hat, wie er zu U2 -Klängen durch ein Wrack tänzelt, nimmt man ihm selbst die wirre Geschichte des Films ab – aber bestimmt kein Päckchen zur kurzfristigen Aufbewahrung!

Wo wir schon in den USA sind – die Immigration der Iren war nicht nur in Titanic ein Thema. Leonardo DiCaprio gab den Iren auch in Gangs of New York, Martin Scorceses Magnum Opus, auf historischen Ereignissen basierend. Absolut brilliant ist Daniel Day-Lewis in diesem Film, eher verzichtbar ist Cameron Diaz. Natürlich unverzichtbar war einmal mehr Liam Neeson, der als Priest Vallon einen kurzen, aber blutigen Auftritt (oder doch Abtritt?) hat.

Zeigte dieser Film die Schattenseiten Amerikas und der Immigration, so war Far and Away eher leichtere, wenn auch ebenfalls epische Kost. Tom Cruise als Rächer der Enterbten, Nicole Kidman als bessere Dame, Blutrache, gemeinsame Emigration, Boxen, Boston, Aufstieg, Romantik, Freiheit und Colm Meaney … was will man mehr?

Knapp 2004 an Darsteller-Oscars vorbeigerutscht ist Jim Sheridans bittersüßer Film In America, der die Erlebnisse einer irischen Emigrantenfamilie in den USA beschreibt.

Andere Filme mit Immigrationsthemen, zumindest am Rande, waren The Devil's Own (für den Brad Pitt seinen Traveller aus Snatch ablegte und Harrison Ford zum NYPD wechselte), Family Business (in dem Matthew Broderick und Dustin Hoffman den Clanchef Sean Connery mit “Danny Boy” in die Ewigkeit singen) oder auch The Untouchables mit Sean Connery als irischem Cop gegen Al Capone.

Und wenn wir schon beim Schotten im irischen Pelz sind, darf man auch The Molly Maguires nicht vergessen, der Connery gegen Richard Harris antreten sieht.

Harris selbst wurde 1990 legendär als Bull McCabe in der Verfilmung von John B. Keanes The Field, unterstützt durch Tom Berenger, John Hurt und, einmal mehr, Sean Bean. Insgesamt ein moderner Klassiker – wie auch das makabre Waking Ned mit seinem posthumen Lottogewinn.

OK – und dann sind da noch die “Wir lieben uns alle und fühlen uns so gut”-Filme.

Allen voran The Quiet Man, John Fords irischtümelnde Romantic Comedy mit Maureen O'Hara (rote Haare, zickig, irischer Akzent) und John Wayne (Schiebermütze). Da der Duke diese Liebesgeschichte nicht im Wilden Westen, sondern in Cong filmte, sorgte er im Alleingang für 90 % des amerikanischen Touristenaufkommens rund um Galway. Der Film ist heute skurril, aber doch liebenswert – und man nimmt John Wayne den irischen Preisboxer eher ab als einen Mongolenfürst.

Die zuckersüße Variante Irlands allerdings produzierte Mausmeister Walt Disney höchstpersönlich mit Darby O'Gill and the Little People, in dem unter der bewährten Regie von Robert Stevenson Leprechauns, Banshees und so viele grüne Klischees wie in einem Souvernirladen auf den Zuschauer eindringen. Das ist Irdisneyland pur! Und schlicht wunderbar ist es dann anzusehen, wie drei Jahre vor Dr. No ein jugendlicher Sean Connery um die Dorfschönheit balzt …

Wer jetzt seinen Lieblingsfilm hier vermisst, etwa Barry Lyndon oder Irish Destiny, dem kann man nur zu einem Standardwerk raten: Lance Pettitt, “Screening Ireland, Manchester University Press 2000 (ISBN 0 7190 5270 X) … da findet man dann auch Man of Aran, Father Ted, Agnes Brown und natürlich Ballykissangel.

Und irgendwo muss es endlich einen Oscar für “Most Unlikely Actor to play an Irishman” geben – nominieren könnte man Sean Connery (The Untouchables, Darby McGill, The Molly Maguires, um nur drei Filme zu nennen, in denen er seinen Edinburgh Accent verwendet), Leonardo di Caprio (Titanic und Gangs of New York), Sean Bean (Patriot Games), Tommy Lee Jones (Blown Away) und Brad Pitt (The Devil's Own und Snatch). And the Winner is …?

Übrigens wurde der Oscar von einem gebürtigen Dubliner entworfen, Cedric Gibbons – der dann auch gleich elf Oscars für seine etwa 150 Filme gewann.

Weitere Oscar-Preisträger aus Irland waren George Bernhard Shaw (Pygmalion, 1936), Greer Garson (Mrs. Miniver, 1942), Barry Fitzgerald (Going my Way, 1944), Michelle Burke (drei Oscars für Maske, unter anderem Dracula, 1992), Josie McAvin (Out of Africa, 1985), Daniel Day-Lewis (My Left Foot, 1989), Brenda Fricker (My Left Foot, 1989) und Neil Jordan (The Crying Game, 1992).



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