Das große Irlandlexikon | Irland von A-Z

Paramilitaries

Sammelbegriff

… für die zahlreichen illegalen, bewaffneten Gruppen im andauernden Nordirlandkonflikt. Paramilitaries existieren auf “beiden Seiten” und bekämpfen meist nicht nur die originären Gegner der “anderen Seite”, sondern auch konkurrierende Gruppen auf der “eigenen Seite”. Alles im Gefühl, zumindest moralisch das Recht auf “seiner Seite” zu haben.

Die Finanzierung der Paramilitaries funktioniert teilweise über Spenden, in wahrscheinlich wesentlich größeren Anteilen jedoch schlichtweg durch kriminelle Aktivitäten. Das Spektrum ähnelt dabei dem Tätigkeitsfeld der Mafia oder der Triaden, von Schutzgelderpressung via Banküberfälle, DVD-Raubkopien und Schmuggel bis hin zu Menschenhandel. Die Grenzen zwischen organisierter Kriminalität und Aktivität “for the cause” sind fließend und selbst für Insider sehr verschwommen.

Folgende wichtige paramilitärische Gruppierungen existier(t)en auf republikanischer Seite:

Irish Republican Army (IRA) – Die IRA kämpfte zunächst gegen die Briten, später im Bürgerkrieg gegen die regulären Truppen des Freistaats Irland. Seit 1936 ist die IRA in Irland verboten, existierte jedoch im Untergrund weiter und setzte den Kampf gegen Großbritannien fort.

1969 spaltete sich die IRA in eine “offizielle” Fraktion (die stark in der Bürgerrechtsbewegung eingebunden war) und die “Provisional IRA” (PIRA), den rein militärisch ausgerichteten Teil. Die IRA beendete 1972 ihre militärischen Operationen, die PIRA jedoch schwor, trotz Warnungen der “Offiziellen” vor einer Bürgerkriegssituation, den bewaffneten Kampf fortzusetzen – was sie auch mit tödlicher Effizienz tat. Sinn Fein gilt als politischer Vertreter der PIRA-Ziele. Nach dem Karfreitagsabkommen entwaffnete sich die PIRA selber und löste ihre Active Service Units auf.

Aus der PIRA ging 1997 nach dem zweiten Waffenstillstand die “Real IRA” (RIRA) hervor – Hardliner, die unter anderem für das Massaker von Omagh verantwortlich waren. Eine weitere Splittergruppe, die “Continuity IRA” (CIRA), hat sich ebenfalls der Fortsetzung des bewaffneten Kampfes verschrieben.

Neben diesen IRA-Gruppierungen existiert die Irisch National Liberation Army (INLA), eine ultralinke Fraktion, die sich 1975 von der Official IRA und der PIRA abspaltete und politisch der Irish Republican Socialist Party nahesteht. Die INLA gilt als kleine, aber umso gnadenlosere Truppe, die auch nicht davor zurückschreckte, Feuerüberfälle auf Gottesdienste durchzuführen. Sie hat sich jedoch mittlerweile ebenfalls dem Friedensprozess angeschlossen.

Auf der “anderen”, nämlich der loyalistisch-unionistischen Seite, stehen dagegen folgende Gruppen:

Die UlsterVolunteer Force (UVF) ist nicht zu verwechseln mit der UVF von 1913, sondern wurde 1966 gegründet, um eine Liberalisierung der Verhältnisse in Nordirland zu bekämpfen. Demokratisch repräsentiert wird die UVF vor allem durch die Progressive Unionist Party.

Aus Reihen der UVF gingen die berüchtigten “Shankill Butchers” hervor, für einige Aktionen der UVF zeichnete auch die fiktive “Protestant Action Force” verantwortlich. 1971 gegründet wurde die Ulster Defence Association (UDA), die größte paramilitärische Gruppierung auf unionistischer Seite und der Ulster Democratic Party nahe stehend. Die UDA sieht sich selbst als Anti-Terror-Organisation und Repräsentant von “law and order”. Für die dreckigere Arbeit wie Gegenterror gab es schließlich die “Ulster Freedom Fighters” (UFF), geführt unter anderem von Johnny “Mad Dog” Adair. Sowohl UVF wie auch UDA haben sich mittlerweile zur Teilnahme am Friedensprozess entschlossen.

Über alle ideologischen Grenzen gemeinsam ist den Paramilitaries ein Hang zur Selbstdarstellung und ein geradezu messianischer Wahn, die allein seligmachende Zukunftsperspektive zu besitzen.

Gelegentliche Publicity-Auftritte bei Großveranstaltungen, von Salutschüssen bei Beerdigungen bis zu Waffendemonstrationen bei Kundgebungen, hielten das Image des bewaffneten Kampfes trotz aller Waffenstillstände aufrecht.

Die dabei zum Teil gezeigte Uniformierung schwankt zwischen Extremen: “Gangstah”-Stil mit Adidas-Jacken bei der IRA, alte Uniformen aus dem nächsten Surplus-Store querbeet, bei den UFF auch schon mal hautenger Militärpullover mit Stretchmini. Unfreiwillig komisch, trotz des blutigen Hintergrundes.



Werbung
Counties der Republik Irland
 
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
 
18
19
20
21
22
23
24
25
26
 
 
27
28
29
30
31
32
 
 
 
 
 
 
 
 
Nordirland