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Troubles

Die "Sorgen" oder "Unruhen"

… sind der gebräuchliche Name für den seit 1969 andauernden Nordirlandkonflikt, dessen Brutalität spätestens seit dem Good Friday Agreement abgenommen hat, der jedoch auch nicht unbedingt für beendet erklärt werden kann.

Das Grundproblem der “troubles” ist nicht, wie oft propagiert, ein Religionskonflikt, sondern eine politische Meinungsverschiedenheit zwischen (irischen) Nationalisten und (britisch orientierten) Unionisten.

Die Nationalisten befürworten einen einzigen irischen Staat mit Hoheit über das gesamte Gebiet der Insel (alle 32 Counties), während die Unionisten den Verbleib der sechs Counties Antrim, Armagh, Derry/Londonderry, Down, Fermanagh und Tyrone im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland wollen.

In den 1960ern bekam dieser Konflikt eine neue Schärfe, nachdem hauptsächlich katholische Nordiren (die eine gesellschaftliche Unterschicht bildeten) ihre Bürgerrechte einforderten – und mit hauptsächlich protestantischen Bewahrern des status quo zum Teil gewalttätig aneinandergerieten. Da die nordirische Polizei (Royal Ulster Constabulary) keineswegs neutral eingriff, setzte die britische Regierung ab August 1969 in Belfast und Derry/Londonderry Armeeeinheiten als Friedenstruppen ein – diese wurden auch zunächst von den nationalistisch-katholischen Bevölkerungsteilen als solche akzeptiert. Langsam wandelte sich jedoch das Bild zu dem einer “Besatzungsmacht”, nicht zuletzt durch nationalistische Propaganda und sehr aggressive Aktionen der Armee gegen Nationalisten.

Bürgerkriegsähnliche Unruhen zwischen den verfeindeten Bevölkerungsteilen und Angriffe auf die Sicherheitskräfte gehörten zu den fast alltäglichen Bildern aus Nordirland, mit der Provisional IRA bildete sich auch ein nationalistischer Gegenpol zu den “Crown Forces”.

Eine Reihe von Bombenanschlägen gegen zivile und militärische Einrichtungen brachte eine neue Verschärfung des Konfliktes, wobei Attentate nicht nur in Nordirland, sondern auch in der Republik Irland, in Großbritannien und im Ausland erfolgten.

Gegen Mitte der 1970er verlegte sich der Fokus des Nordirlandkonflikts von wilden Straßenschlachten auf eine gezielte Guerilla- und Terrorismuskampagne nationalistischer wie unionistischer Paramilitärs. Attacken auf jeweils ausgelobte “legitime Ziele” der Gegenseite oder auf die Bevölkerung selbst kennzeichneten diese Phase – von den sektiererischen Morden der Shankill Butchers bis zu Feuerüberfällen auf presbyterianische Gemeinden.

Zwischen den republikanisch-nationalistischen Gruppen und den Regierungstruppen begann ein mit ähnlichen Mitteln geführter Kleinkrieg mit Spionage, Gegenspionage, einer “shoot to kill”-Haltung und dementsprechend auch zahlreichen “Irrtümern”.

Die weltweit Beachtung findenden Hungerstreiks republikanischer Gefangener in den frühen 1980ern brachten der nationalistischen Seite zwar ideellen Gewinn, kosteten aber zehn Inhaftierten das Leben, da die britische Regierung Thatcher zunächst nicht zum Nachgeben bereit war und spätere Bemühungen um eine Einigung von den Republikanern aus politischem Kalkül heraus abgelehnt wurden. Die Diskussion, in wie weit dieser erneute “Blutzoll” die republikanische Bewegung weitergebracht hat, ist noch nicht beendet.

Ein erster Waffenstillstand der nationalistischen und loyalistischen Gruppierungen wurde 1994 nach rund 3200 Toten ausgerufen. Republikanische Splittergruppen gehören auf nationalistischer Seite immer noch zu den größten Gefährdungen des nach dem Karfreitagsabkommen erreichten Friedensprozesses.

Die Bürgerrechtsforderungen, die in den 1960ern den eigentlichen Ursprung der “Troubles” bildeten, sind längst durchgesetzt. Zu den nationalistischen oder unionistischen Zielen der Paramilitaries sind jedoch, und das macht die völlige Entwaffnung und Auflösung unendlich schwierig, kommerzielle Interessen hinzugekommen – beide Seiten beherrschen in Nordirland die Wirtschaftszweige, denen sich von Sizilien bis Sibirien traditionell das organisierte Verbrechen widmet.



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